Sozialkompetenz in Krisen

Worum es wirklich geht … die sozialen Gesetze verstehen. 

Heute möchte ich Ihnen einen Begriff aus der Sozialforschung vorstellen: Das Shifting Baseline Syndrom. Darunter versteht man den Prozess, in dem das Wissen über den Zustand der natürlichen Welt verloren geht, weil Menschen die tatsächlich stattfindenden Veränderungen nicht mehr wahrnehmen – sprich sie nehmen sie verzerrt, falsch oder gar nicht mehr wahr.
Wie das?
Indem Menschen ihr Verhalten ungeprüft danach ausrichten, was andere von ihnen erwarten, entfernen sie sich von ihren eigenen Werten. Wenn ein Mensch durch eine „Meinung“ im Außen keine andere Wahl zu haben scheint und es als ethisch korrekt glaubt, ist es möglich, sogar schwerwiegende Verfehlungen als Anpassung erscheinen zu lassen.
Das Shifting Baseline Syndrom bezeichnet also ein Phänomen verzerrter und eingeschränkter Wahrnehmung von Wandel, in der es zu Verschiebungen der Referenzpunkte kommt. D.h. man verliert aus den Augen, worum es eigentlich geht und wird hochgepeitscht zu immer neuen Ausgangssituationen. 
In diesem Thema fand ich nach eingehenden Studien die Ursache des gesamten Dilemmas. Manipulation kann nur durch Erkenntnis verhindert werden. Also versuchen wir es gleich gemeinsam, einige neue Erkenntnisse zu erlangen:

Solidarität ist ein wichtiger Wert für alle Menschen. Man muss jedoch wissen, wo man ihn anwenden darf und wo nicht. Wir Menschen sind in einem Punkt alle gleich. Nämlich da, wo es um unsere Rechte geht. Es ist also völlig richtig im Sinne der sozialen Gesetze, wenn wir für die Rechte anderer solidarisch einstehen, wenn wir solidarisch Gleichberechtigung fordern, wenn wir Menschenrechte, Völkerrechte, Grundrechte etc. solidarisch verteidigen. Hier geht es um Rechte und Pflichten gegenüber allen Mitmenschen, die jedoch in einem Volk, einem Staat demokratisch vereinbart werden müssen (Verfassung) und je nach Kultur und Historie durchaus völlig unterschiedlich sein können. 

Solidarität wird oft als gleiche Gesinnung verstanden, als Kameradschaft zur Verteidigung gleicher Ziele. Das ist auch korrekt – doch muss man genau unterscheiden, wo man gleiche Ziele vereinbaren kann und wo nicht bzw. kommt es maßgebend darauf an, wie man diese Ziele zu erreichen gedenkt. 

Nicht jedes Mittel ist für die Erreichung eines Zieles gerechtfertigt!

So wie man den Planeten durch die Vernichtung aller ausbeutenden Konzerne retten könnte, meinen andere, ihn im Gegenzug durch eine geringere Bevölkerungsdichte zu erhalten. Wo sehen Sie hier Solidarität? Man kann nun aus Solidarität zur nächsten Generation sein eigenes Leben beenden oder man prüft dieses solidarische Ziel in seinen tatsächlichen Ursachen und Lösungsmöglichkeiten. Wenn man dann bemerkt, dass z.B. ein Kreuzfahrtschiff die 500.000fache Relevanz eines einzelnen Diesel-PKWs hat – wo würden Sie ansetzen?

Ein anderes Beispiel. Ich habe in meiner Jugend lange Zeit überlegt, wieso manche Menschen wie Schlöte rauchen und keinerlei Krankheiten haben, während andere noch in jungen Jahren daran zugrunde gehen. Meine Mutter war davon betroffen. Als 37er Jahrgang war es in ihrer Jugend war die Zigarette noch ein Zeichen von Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. Als ihr jedoch ein Arzt zu verstehen gab, dass sie sich mit ihrer körperlichen Konstitution geradewegs in ihr Grab rauchen würde, stoppte sie es sofort. 
Meine erste Antwort fand ich im Studium der TCM, die in ihrer 5000 Jahre alten Erfahrungsmedizin lehrt, dass manche Menschen viel und andere eben wenig „Nierenenergie“ mitbekommen. Wie eine kleine oder große Kerze, darf der eine nur auf kleiner Flamme brennen und muss noch Wachs hinzufügen, wenn er lange Leben will, während der andere ein Dauerbrenner ohne Zutun sein kann. Dennoch kann ersterer mit entsprechendem mentalen und körperlichen Training sowie einer guten Lebensweise sogar älter werden als letzterer. Auch eine sog. Virenerkrankung wirkt sich unterschiedlich aus und kann unterschiedlich behandelt werden. 
Die Epigenetik gab hier noch weitere Antworten. Es gibt mittlerweile unzählige Studien und medizinische Richtungen, die verstanden haben, dass es immer individuell ist, ob und wie ein Mensch erkrankt und noch wichtiger: wie er geheilt werden kann. Die Schulmedizin ist ein grober Rahmen, in dem man individuell dosieren und ergänzen muss.

Hier von einer solidarischen Behandlung zu sprechen, ist ein grober Denkfehler

Würde nun allen dieselbe medizinische Behandlung verordnet, obwohl diese bei jedem Menschen unterschiedlich ansprechen muss, welche Antwort zwingt sich unweigerlich für den logisch denkenden Menschen auf? 

Aus diesem Grund wird bisher weder Rauchen noch zuviel Fleisch- und Zuckerkonsum verboten, sondern es obliegt der Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen. Es wäre absurd, die Behandlung eines durch diese Faktoren erkrankten Menschen einem gesunden schon vorab zu verordnen. Sinnvoller ist – wie wir alle wissen – die Empfehlung im Umgang damit.

Die Antwort auf die Frage, ob Gleichheit und Solidarität nun in Bildung, Wissenschaft, Kunst und vor allem in Medizin nicht funktionieren kann, warum hier zwangsläufig ein Niedergang erfolgen muss, ist einfach, wenn man nachdenkt und beobachtet: Die Gesellschaft lebt durch ihre Vielfalt – wie alles in der Natur. Und Menschen sind immer ein Teil der Natur und unterliegen damit auch ihren Gesetzen. Durch Vielfalt können wir klügere – stärkere – schnellere – verlässlichere – geduldigere etc. Menschen herausbilden, die durch ihre individuellen Fähigkeiten die Gesamtgesellschaft aufbauen und nähren können. Niemals können und dürfen alle gleich sein. Jeder Evolutionsforscher weiß das. Es wäre der Tod jeder Entwicklung und damit der jeweiligen Spezies.

Ebenso wenig darf Gleichheit im wirtschaftlichen Sektor falsch verstanden werden. Würden alle aus Solidarität dieselbe Ausbildung machen und dasselbe Wissen haben, denselben Beruf ergreifen müssen etc. wäre die Gesellschaft binnen kürzester Zeit ruiniert. Hier geht es nicht darum, aus Solidarität gleiche Wege zu gehen, sondern vom selben Recht auf Ausbildung und Arbeit Gebrauch zu machen. Und während der eine gerne unternehmerische Risiken eingeht, darf der andere auch eine sicherere Arbeitsweise ergreifen. Hier alle von einem einzigen Unternehmen oder von einem Staat abhängig zu machen, ist der Tod der Wirtschaft.

Dass hier viele Menschen nicht mehr unterscheiden können, liegt an einer unglücklichen (oder auch ganz geschickten) Verdrehung der sozialen Gesetze – Solidarität wird im individuellen Gesundheitsbereich als gleiche Behandlungsform vorgegeben – anstatt sie im (für alle gleichen) Recht auf individuelle Behandlung anzuwenden! Hier wird ein vermeintliches Heilmittel unweigerlich zum zerstörerischen Faktor einer Gesellschaft. Das ist fatal. Denn was nützt es, wenn jede Forschung, jede Bildung, jede Information nur in eine gewünschte Richtung vorgegeben wird? Haben wir aus den Inquisitionen der Vergangenheit nichts gelernt? Und – haben sie trotz ihrer rigorosen Bemühungen eine Veränderung aufhalten können?

Wir müssen also verstehen, dass wir die Gleichheit und die Solidarität dort belassen müssen, wohin sie gehört. In das Recht, das in einer Demokratie für alle gleich gelten muss. Und hier hatte die Menschheit bereits einiges lernen dürfen (auch wenn sie es gerade wieder vergisst). 
Lassen Sie uns nicht unsere Selbstachtung durch Polarisierung verlieren. Stehen wir füreinander ein. Lassen wir alle Sichtweisen gelten und überzeugen wir uns selbst von Tatsachen, indem wir vor allem jenes zulassen, was offensichtlich verdrängt wird. 

Denn – es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass wir durch einen Selbstverzicht die Allgemeinheit schützenDas Gegenteil ist der Fall. Wir müssen uns Selbst in die Allgemeinheit einbringen, um sie zu stärken. Nur so überlebt unser sozialer Organismus. Dabei gibt es nur ein Opfer: Unsere Bequemlichkeit.

Daher rufe ich auch zur Solidarität auf, und beteilige mich gerne an solidarischen Maßnahmen, wenn sie auf ein gleiches Recht für jede Individualität und nicht auf den Zwang einer tödlichen Gleichschaltung bezogen wird. Denn nur aus einer individuellen Freiheit heraus kann Vielfalt erhalten bleiben – und nur Vielfalt kann eine Gesellschaft stabil halten und weiterentwickeln!



Mit sozialen Grüßen
Ihre Cornelia Scala-Hausmann

Über den Autor: la scala

Jg. 1965, 1 Sohn, 1 Tochter, Liebenfels / Kärnten und Wien. Synergiensuche von Selbst & Markt, Führung & Kunst, Philosophie & Trendforschung, Spiritualität & Wirtschaft. Berufsmosaik: Studium Grafik-Design & Werbewissenschaften; bis 2000 geschäftsführende Gesellschafterin einer Werbeagentur in Wien 19 mit 16 Mio. Umsatz und 12 Mitarbeitern. Kunden: CA-BA, Procter & Gamble, SCA, Rosenthal, Cincinnati Extrusion, Peithner KG etc. Ab 2000 vielfältige Ausbildungen in Coaching, Therapie und Gesundheit (4-jähriges Diplomstudium der Kunsttherapie; Stressmanagement, TCM-Diätetik, Systemisches Coaching, Mentaltrainings, Psychosomatik, Lebens- und Sozialberatung, Unternehmensberatung u.a.). Seit 7 Jahren als „Selfness & Business Coach“ tätig. Buchveröffentlichung "Die einfachen Wunder der Gesundheit - ein Selfness-Coaching". EU-Zertifizierung als Erwachsenenbildnerin (Andragogin). Gründung des Instituts für Zukunftskompetenzen. Derzeitiger Schwerpunkt in der Lehrkonzeption für aktuelle Themen und Ableitung von vermittelbaren Zukunftskompetenzen. Mehrere Publikationen, darunter Der Zukunftskompass®. 2015 bis 2019 auf Segelweltreise. 2020 Engagement in Gesellschafts- und Krisenthemen.

4 Kommentare

  1. Meine Hochachtung – sehr gute Analyse.
    Überhaupt wird derzeit sehr viel verdreht. Es kann nicht sein, dass die Demokratie über das Wohl der Allgemeinheit gestellt wird, weil es gerade so in die Schein-Argumentation passt.

    Gerne lade ich Sie einmal zu einem Zoom ein, wenn sie diese Thematik weiterbehandeln möchten.
    mit lieben Grüßen

    Alda

  2. Ingun Kluppenegger

    Danke für diese mutigen und verbindenen Worte. Ich denke wir sollten diese alle sehr aufmerksam lesen und versuchen unseren Werten treu zu bleiben und in der Mitte zu bleiben und auch unser Gefühl für uns selbst und danach für die Gesellschaft zu bewahren. Individuum, Freiheit und Vielfalt für eine stabile Gesellschaft und Demokratie.

  3. Dr. Bruno Reuer

    Liebe Cornelia Scala-Hausmann,
    hab‘ vielen Dank für Deine klaren Worte. Ich habe die Tage auch schon an ein paar Zeilen gedacht, die in diese Richtung gehen. Ich habe auch große Zweifel, ob man den Begriff „Solidarität“, wie er gerade gegenwärtig angewendet wird, überhaupt benutzen darf. Allerdings muss man feststellen, dass der Philosoph Jürgen Habermas dafür in der Diskussion mit Siegmar Gabriel und Emmanuel Macron (Europa neu denken, 16.03.2017, Hertie School of Governance, Nr. 4/2017) eine Steilvorlage geliefert hat: „Wer sich solidarisch verhält, nimmt im Vertrauen darauf, dass sich der andere in ähnlichen Situationen ebenso verhalten wird, im langfristigen Ereignis Nachteile in Kauf“. Ich halte es für eine unzulässige Umdeutung des ursprünglich ethisch-politischen Begriffs „Solidarität“, der überwiegend sozial-historisch angewendet wurde. Nehmen wir den „Sturm auf die Bastille“, so haben wir die Auflehnung des Bürgertums gegenüber der Feudalherrschaft, oder nehmen wir die Arbeiterkämpfe gegen die Industriellen, immer schließen sich Gruppen für ihre Ziele im Kampf gegen Obrigkeit und sozialen Misstand zusammen. Eine Solidarität aller Menschen, wie sie jetzt gefordert wird, hat es noch nie gegeben und lässt das Gegenüber vermissen gegen den man sich solidarisch erklärt..Diese Umdeutung widerspricht allen von Dir geschilderten menschlichen Eigenschaften, die es zu wahren gilt.

    In der Hoffnung auf baldige Erkenntnis verbleibe
    herzlichst
    Dr. Bruno Reuer

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