Die Erneuerungskompetenz

Sich zu erneuern, ist lebenswichtig. Unser Körper tut es in einem kaum vorstellbaren Umfang, ohne dass wir etwas davon mitbekommen. Zwischen zehn und 50 Millionen Körperzellen baut unser Körper pro Sekunde ab und ersetzt sie durch neue Zellen. So wird unser Skelett alle zehn Jahre ersetzt, der Dünndarm alle 16 Jahre, unsere Leber alle zwei Jahre, und die Haut wird keine zwei Wochen alt. 1 Erneuerung ist also etwas Natürliches. Kein Mensch könnte ohne sie leben. Nehmen wir uns also unsere Zellen zum Vorbild und lassen Erneuerung zu – das Leben wird dadurch spürbar „lebendiger“ und aufregend.

Alle großen Geister der Geschichte waren Erneuerer – egal, ob Rebellen, Entwickler, Erfinder usw. Die Menschheit wäre nicht das, was sie ist, wenn es keine Erneuerung gäbe. Immer und immer wieder. Zugegeben – Menschen wehren sich dagegen. Sie wollen beim Altbewährten bleiben. Doch im Endeffekt setzt sich – früher oder später – immer das Neue durch.

Erneuerung setzt aber eine Eigenschaft voraus, die ohne Zweifel jeder von uns besitzt, die sich jedoch in völlig unterschiedlicher Art und Weise äußert. Eine Fähigkeit, die uns tagaus, tagein das Leben erleichtert, uns Lösungen finden lässt und uns vor allem in (gefürchteten oder ersehnten) Veränderungsprozessen massiv unterstützt. Diese Fähigkeit ist angeboren, man muss sie jedoch ein Leben lang, trainieren, damit sie nicht verkümmert. Sie kommt allerdings nur dort zum Tragen, wo wir uns in ungeordneten Bahnen bewegen. Will ein Mensch also im Erneuerungsmodus bleiben, muss er immer wieder ausgetretene Pfade verlassen.

Sie ahnen bereits, worum es hier geht? Ich spreche von der stärksten menschlichen Kraft, die Dinge erschafft – der Kreativität (lat. creare – etwas neu schöpfen, erfinden). Mit ihrer Hilfe schaffen wir soziale und wirtschaftliche, in jedem Fall jedoch persönliche Erneuerung oder Innovation.

Und was passiert, wenn wir uns ihrer bedienen? Dann könnte sich Erfolg einstellen. Und sobald sich Erfolg einstellt, passiert Folgendes: Die Dinge beginnen sich zu normieren, Abläufe werden verwirtschaftlicht usw. Und dann muss diese Form der Kreativität zurückweichen. Denn wenn man etwas in genormte Abläufe bringen will, darf es sich nicht mehr verändern – sonst bleibt der wirtschaftliche Erfolg aus. Unzählige Biografien zeigen uns diesen Tanz zwischen Erneuerung und Erfolg. Und viele antworten auf die Frage, ob sie kreativ wären, mit Nein. Dabei haben sie jahrelang ihre Vision vor Augen gehabt und sich immer wieder neu danach ausgerichtet.

Will ein Mensch also weiterhin ein hochgradig kreatives Leben führen, nimmt er genau dann, wenn sich wirtschaftlicher Erfolg einstellt, der auch nach außen hin bemerkbar ist und der ihn in Normen und starre Abläufe zwängt, Abschied – und beginnt etwas Neues. Oder er findet jemanden, der seine bisherigen kreativen Ideen übernimmt und sie für ihn ökonomisch verwertet, sodass er selbst sich neuen Ideen widmen kann. (Der Traum eines jeden Künstlers!)

Naturgemäß hat das viel mit „Scheiden“ und „Entscheiden“ zu tun. Entscheiden hat (wie wir bei der Entscheidungskompetenz bereits erfahren haben) etymologisch etwas mit „das Schwert aus der Scheide ziehen“ zu tun. Es hat also auf keinen Fall etwas mit Sicherheit und Ruhe zu tun. Dafür oft mit Freude, Lebendigkeit und Jugend. Und mit Grenzen. Es hat auch viel mit Pioniergeist zu tun! Und eine Prise Revolution schwingt auch darin mit, denn Neues kann nur geschaffen werden, wenn das Alte infrage gestellt wird.

Und eines ist auch klar – gäbe es auf dieser Welt ausschließlich lupenreine Pioniere, hätte nichts Bestand. Es braucht auch alle anderen Kompetenzen, um die Welt und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Also keine Sorge, wenn Sie eine andere Kompetenz stärker vertreten als die Erneuerungskompetenz. Denn jeder hat seine Präferenzen, und als Unternehmer, Chef, Coach etc. gilt es, diese Kompetenzen im Team zu vereinen.

Erneuerung bedeutet gleichzeitig Veränderung – Unbekanntes verspricht Überraschungen. „Überraschung ist das Salz des Lebens“, heißt es. Was wäre, wenn alles in seinen vorgeplanten Bahnen abliefe? Das mag jetzt den einen oder anderen Leser verwundern, denn im Business sind Überraschungen nicht unbedingt erwünscht. Es sei denn, positive. Oder hatten Sie bei dem Wort „Überraschung“ sowieso nur an positive gedacht?

Eine Erneuerung tut immer gut. Freiwillig oder gezwungenermaßen. Und meist begreift man erst hinterher den wahren Sinn darin. Erneuerung ist der Jungbrunnen für Mensch und Organisation, für Produkt und Unternehmen. Und erneuerungskompetente Menschen spielen damit. Sie wollen weder in Strukturen verhärten, noch ein Spielball von (unangenehmen) Überraschungen werden. Sie fokussieren sich auf ihre Ziele, richten sich nach ihrem eigenen Kompass aus und bleiben ungern stehen.

So sehr unsere Kultur bemüht ist, Ganzheitliches zu verbannen und sich auf etwas zu fokussieren, so ist sie doch durchaus fähig, ganzheitliche Lösungen zu finden, wenn es brenzlig wird. Es muss allerdings schon sehr brenzlig werden, es muss schon brennen, also wirklich gefährlich werden, damit sich was tut. Erst wenn das Alte nichts mehr taugt, wird auf das Neue gehofft. Und häufig unbedacht ausprobiert. Zu einem kompetenten Umgang mit Erneuerung gehört aber auch, das Neue zu prüfen und mit Bedacht auszuwählen. Vor allem, wenn es um gesellschaftliche und politische Entscheidungen geht.

Es kommt auf die Mischung an. Weder Alt noch Neu darf überhandnehmen, darf über dem anderen stehen. Beides muss in einem gesunden Gleichgewicht stehen. Das Alte nährt uns, und das Neue hält uns lebendig. Wir bestehen immer aus Alt und Neu – auf allen Ebenen und in allen Bereichen, sei es, was den Körper, unsere Umwelt oder unsere Kommunikation anlangt. Das Alte allein ist destruktiv – das Neue allein ebenso.

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Über den Autor: la scala

Jg. 1965, 1 Sohn, 1 Tochter, Liebenfels / Kärnten und Wien. Synergiensuche von Selbst & Markt, Führung & Kunst, Philosophie & Trendforschung, Spiritualität & Wirtschaft. Berufsmosaik: Studium Grafik-Design & Werbewissenschaften; bis 2000 geschäftsführende Gesellschafterin einer Werbeagentur in Wien 19 mit 16 Mio. Umsatz und 12 Mitarbeitern. Kunden: CA-BA, Procter & Gamble, SCA, Rosenthal, Cincinnati Extrusion, Peithner KG etc. Ab 2000 vielfältige Ausbildungen in Coaching, Therapie und Gesundheit (4-jähriges Diplomstudium der Kunsttherapie; Stressmanagement, TCM-Diätetik, Systemisches Coaching, Mentaltrainings, Psychosomatik, Lebens- und Sozialberatung, Unternehmensberatung u.a.). Seit 7 Jahren als „Selfness & Business Coach“ tätig. Buchveröffentlichung "Die einfachen Wunder der Gesundheit - ein Selfness-Coaching". EU-Zertifizierung als Erwachsenenbildnerin (Andragogin). Gründung des Instituts für Zukunftskompetenzen. Derzeitiger Schwerpunkt in der Lehrkonzeption für aktuelle Themen und Ableitung von vermittelbaren Zukunftskompetenzen. Mehrere Publikationen, darunter Der Zukunftskompass®. 2015 bis 2019 auf Segelweltreise. 2020 Engagement in Gesellschafts- und Krisenthemen.

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