Cäsar hieß der Kater, der in dem Haus im Wald lebte. Er war ein sehr aufgeweckter
Kater mit einem wildkatzenartigen Fell. Keiner wusste woher er kam, eines Tages
stand er vor der Tür des Häuschens und Frau Cleo gab ihm ab diesem Zeitpunkt
Milch und ein wenig Fressen. Er blieb sehr eigenständig und ging kaum ins Haus.
Nur, wenn er Frau Cleo necken wollte, trieb er allerhand Schabernack innen und
außen, er fegte durchs Haus und hielt Frau Cleo auf Trap – seltsamer weise immer
dann, wenn sie einmal nicht weiter wusste und eine Aufmunterung gebrauchen
konnte.
Oben auf dem Dach des Häuschens war ein Dachfenster mit einem breiten
Fenstersims und dort konnte man Cäsar jeden Abend sitzen sehen mit Blick nach
Westen den Sonnenuntergang beobachtend, fast so als würde er warten oder
vergangenen Zeiten nachträumen.
Rita, das kleine Töchterchen von Frau Cleo mochte Cäsar sehr gern und hätte gern
mehr mit ihm gespielt, aber er war für Spiele nicht zu haben. Er jagte auch nie
irgendwelchen Vögeln nach oder fraß Insekten. Er schien ein sehr bedächtiger,
genügsamer Kater zu sein bis auf die paar Male, wenn er durchs Haus fegt. Rita
beobachtete Cäsar immer, wenn er aufs Dach ging, bevor die Sonne unterging.
Neuerdings durfte Rita länger aufbleiben, es waren Ferien und ihre größte Freude
war, die Sterne zu beobachten. So wartete auch sie jeden Tag darauf, dass die
Sonne untergeht und die Sterne am Himmel erscheinen.
Eines Abends, als sie wieder auf die Sterne wartete und die Dämmerung der
Dunkelheit wich, entdeckte sie am Waldesrand eine wunderschöne weiße Katze.
Diese Katze saß genau an der Stelle, über der die Sonne untergegangen war. Das
war es also, dachte Rita. Deswegen sitzt Cäsar jeden Abend am Dach. Aber warum
geht er nicht zu ihr hin? Oder warum kommt diese schöne Katze nicht her?
Sie beschloss, sich am nächsten Abend genau an der Stelle, an der die Katze saß, zu
verstecken. Es war irgendetwas geheimnisvolles an diesem weißen Tier.
Lautes Schimpfen weckte sie am nächsten Morgen. Cäsar war wieder einmal frech
gewesen. Unwillkürlich musste sie lächeln. Sie spürte, dass ihre Mutter dankbar für
Cäsars Wirbelsturm war, es war fast wie Therapie für sie. Sie schimpfte, räumte auf
und fand öfter wieder Dinge, die sie vergeblich gesucht hatte.
Inzwischen hatte Rita schon einen Plan für den Abend geschmiedet. Sie würde sich
nach dem Gute Nacht sagen einfach wieder leise anziehen und hinaus schleichen,
wenn Mutter in der Badewanne liegt. Immer nach Cäsars „Durchputz“ musste sie
viel aufräumen und dann badete sie abends, nachdem Rita zu Bett gegangen war.
So war es auch. Als der Abend kam, saß Cäsar am Dach und blickte in den
Sonnenuntergang, Rita machte ihr Abendprogramm und sagte zur Mutter sie sei so
müde, dass sie schlafen wolle. Anschließend, als Mutter im bad war, schlich sie sich
angezogen wieder hinaus und versteckte sich bei der Stelle, wo sie zuletzt die Katze
gesehen hatte. Cäsar schien etwas erstaunt zu blicken, doch blieb er ruhig am Dach
sitzen.
Die Sonne war nicht mehr zu sehen, nur der Himmel war noch orangerot, die ersten
Sterne konnten ihr Licht nun behaupten und der Himmel wurde dunkler. Als alles nur
noch Schemenhaft zu erkennen war, sah Rita die weiße Katze aus dem Dunkel des
Waldes langsam näher kommen. Als sie beinahe da war, bemerkte sie aber Rita und
wollte umkehren. „Nein, bitte, bleib da! Ich tu Dir nichts.“ flüsterte Rita erschrocken.
„Bitte, sag mir, wer Du bist!
Die Katze blieb stehen, setzte sich auf ihre Stelle, sah gedankenversunken zu Cäsar
hinauf, der bereits alles beobachtete und sagte: „Ich bin die Sehnsucht“.
Rita fühlte einen Schmerz in ihrem Herzen, der gleichzeitig Freude war. „Die
Sehnsucht…oh ja. Aber wieso gehst du nicht zum Haus hinüber, oder wieso kommt
Cäsar nicht zu Dir?“
„Weil wir uns schon sehr lange kennen und wissen, dass wir dann die Illusion
unserer Träume zerstören. So gehen wir behutsam mit ihnen um und betrachten sie
nur aus der Ferne.“
Rita überlegte. Sie verstand irgendwie. Doch wollte sie bisher ihre Träume immer
ungeduldig erfüllt haben. Doch wusste sie nur zu gut um die Freude und den
Schmerz, der diesen Träumen vorausging und bei gewissen Dingen, die nicht in
Erfüllung gingen, blieb er in ihrem Herzen. Sie bewunderte diese beiden Katzen, die
so glücklich sein konnten ohne sich näher zu kommen. Sie wusste bereits von
Freundinnen, deren Eltern viel streit hatten, dass Nähe oft auch zu viel sein konnte.
Gerührt trocknete sie ein paar Tränen, die ihr über die Wangen rollten und wollte sich
zurückziehen. Da sagte die Katze: „ Wenn Du eines Tages Sehnsucht haben solltest,
denk immer daran, dass die Erfüllung nur eine Illusion ist. Das, wonach Du dich
sehnst, ist immer in deinem Herzen. Dort findest Du die wahre Erfüllung. Suche sie
nicht woanders“. Damit drehte sich die Katze um und verschwand wieder im Dunkel
des Waldes.
Cäsar saß immer noch am Dach, doch sah er nun zu den Sternen hinauf und ließ ein
melodisches „Miau“ ertönen. Und Rita war es, als sähe sie ganz kurz einen Mann
anstelle des Katers sitzen.
Geduld. Kam ihr in den Sinn. Er hat unglaublich viel Geduld. Wie die Sterne ewig zu
leuchten scheinen, was soll da diese dumme Ungeduld eines kleinen Menschleins….
Sie lächelte und ging langsam ins Haus zurück.
Abend für Abend beobachtete sie nun Cäsars Sehnsucht und damit auch die ihre.
Sie lernte ihre Ungeduld zu bändigen und Dinge so zu lassen, wie sie waren.

CSH

Über den Autor: la scala

Jg. 1965, 1 Sohn, 1 Tochter, Liebenfels / Kärnten und Wien. Synergiensuche von Selbst & Markt, Führung & Kunst, Philosophie & Trendforschung, Spiritualität & Wirtschaft. Berufsmosaik: Studium Grafik-Design & Werbewissenschaften; bis 2000 geschäftsführende Gesellschafterin einer Werbeagentur in Wien 19 mit 16 Mio. Umsatz und 12 Mitarbeitern. Kunden: CA-BA, Procter & Gamble, SCA, Rosenthal, Cincinnati Extrusion, Peithner KG etc. Ab 2000 vielfältige Ausbildungen in Coaching, Therapie und Gesundheit (4-jähriges Diplomstudium der Kunsttherapie; Stressmanagement, TCM-Diätetik, Systemisches Coaching, Mentaltrainings, Psychosomatik, Lebens- und Sozialberatung, Unternehmensberatung u.a.). Seit 7 Jahren als „Selfness & Business Coach“ tätig. Buchveröffentlichung "Die einfachen Wunder der Gesundheit - ein Selfness-Coaching". EU-Zertifizierung als Erwachsenenbildnerin (Andragogin). Gründung des Instituts für Zukunftskompetenzen. Derzeitiger Schwerpunkt in der Lehrkonzeption für aktuelle Themen und Ableitung von vermittelbaren Zukunftskompetenzen. Mehrere Publikationen, darunter Der Zukunftskompass®. 2015 bis 2019 auf Segelweltreise. 2020 Engagement in Gesellschafts- und Krisenthemen.

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